Inge Langen


Inge Langen erzählt - Regisseure

Gustav Gründgens

Hamburg, Deutsches Schauspielhaus - Intendant Gustav Gründgens, „Fiesko“- Regie Ulrich Erfurtle

Ich spielte die Julia Imperiali, die in einer Szene Fiesko verführen will. Zu dem Zweck bekam ich ein Kleid verpasst, gegen das ich mich mit Händen und Füßen wehrte. Doch es half nichts. Immer mehr Locken, immer mehr Schmuck u. dieses grässliche Kleid, das aus lauter Schleifen bestand. Ich sah aus wie eine ausgestopfte Teepuppe.
Erste Hauptprobe: Plötzlich die Stimme von Gründgens aus dem dunklen Zuschauerraum: „Sagen sie mal Frau Langen, haben sie sich dieses Kleid ausgesucht?“ Ich heulte auf: “Nein!“ – Getuschel, dann wieder Grüntgens: „Ach gehen Sie doch mal in den Fundus und machen sie sich so zurecht, wie sie in dieser Szene aussehen wollen.“ Ich flog die vier Treppen zum Fundus hinauf und runter mit dem Lockenaufbau, weg mit den Juwelen, raus aus den Schleifen. - Ich fand ein fließendes, körpernahes Gewand, an dem als einziger Schmuck ein mit Goldfedern eingefasster, wunderschöner Ausschnitt war.. Eine einfache Frisur dazu und 30 Minuten später war ich wieder auf der Bühne. „Na also, da ist sie ja die Julia Imperiali! Genauso bleibt es!“ entschied Gründgens. Er hatte ein untrügliches Gespür. Als Schauspieler wusste er, wie sehr das falsche Kostüm schaden konnte, als Regisseur zwang er zu nichts und als Theaterleiter ließ er seine Schauspieler frei atmen. Das können wenige.

© Inge Langen, München 2005

Fritz Rémond

Düsseldorf Schauspielhaus, „Kabele und Liebe“

Es war die Lady Milford, die mir zu schaffen machte. Mit dem Regisseur hatte ich oft und gut gearbeitet, doch dieses Mal quengelte und nörgelte er an mir herum, bis ich keinen Fuß mehr vor den anderen setzen konnte und total blockiert war. In meiner Verzweiflung fuhr ich zu Fritz Rémond nach Frankfurt, bei dem ich die Milford schon gespielt hatte. Nach kurzer Betrachtung sagte er: „Alles Quatsch! Spiel so wie Du’s für richtig hältst.“ Das tat ich am nächsten Tag auf der Probe. Der Regisseuer sprang hochzufrieden auf die Bühne: „Das ist es jetzt genau!“ Das ist die Milford die ich haben wollte!“ Wie bitte?? – Aha!
Fritz Rémond war einer der besten Regisseure, die ich getroffen habe. Er ging nie Umwege. Als Privattheaterdirektor konnte er sich das auch gar nicht leisten. Seine Kritik war manchmal hart, traf aber immer den Nagel auf den Kopf. Durch ihn habe ich in wenigen Wochen mehr gelernt als in Jahren an den Staatstheatern. Von ihm stammt auch der schöne Satz: „Red nicht, mach’s!“

© Inge Langen, München 2005

Jürgen Fehling

„Doña Rosita“ von Lorka, Staatstheater München, Regie Jürgen Fehling

Diese Aufführung ist in die Theatergeschichte eingegangen und ich hatte das Glück eine der drei Manolas (Freundinnen der Doña Rosita) zu sein. Es war eine einzige, große Szene, doch diese eine Szene arrangierte Fehling immer wieder neu, immer alles noch einmal ganz von vorne. Er stellte um, zehnmal, zwanzigmal ... „Entschuldigt, aber die Szene ist mir so wichtig.“ Plötzlich sagte er: „Du gehst heute mit mir essen!“ Und bei diesem Essen sprach er von nichts anderem, als von den Manolas. „Ihr müsst wie die Schmetterlinge sein, wie die Kolibris! Wie Blüten sollt ihr herein wehen! Jung, jung, jung! Euer Lachen, Gekicher, Gezwitscher muss das Haus erfüllen von euerem Auftritt.“ Er sprach von der „Fallhöhe“. Das Wort hörte ich zum ersten Mal. „Je glücklicher, je unbeschwerter die Rosita am Anfang ist, umso erschütternder ist ihre spätere Einsamkeit.“ Dieses Gespräch ist mir unvergesslich. Es hatte zur Folge, dass ich den Nachmittag damit verbrachte, dieses Lachen zu üben. Viele Stunden lang. Ich hatte begriffen, was er wollte und am nächsten Tag konnte ich’s.
Er hat mich später in Konzerte mitgenommen und auf endlose Spaziergänge. Er hat mir seine Geburtsstadt Lübeck gezeigt und die Patrizierhäuser denen er entstammte. Doch das erste Gespräch über die „Fallhöhe“ war ein Meilenstein für mich und lachen konnte ich für den Rest meines Lebens.

© Inge Langen, München 2005
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