Auf dem Waldfriedhof - Eine Erinnerung:
Wir waren am Grab meiner Mutter beschäftigt, da hörten wir, wie ganz leise auf einer Geige gespielt wurde. Ein Summton folgte eine klagende, fremde Melodie. Nach einiger Zeit kam eine zweite Geige dazu, eine dritte, dann andere Instrumente und aus dem Summen wurden Lieder. Stille, schwermütige Weisen.
Wir gingen den Klängen nach und sahen schließlich eine große Gruppe bunt gekleideter Menschen um ein Grab versammelt. Sie wiegten sich im Rhythmus ihrer Melodien die langsam lauter wurden und fröhlicher. Sie sangen und spielten, sangen und spielten und schließlich warf jeder etwas von sich in das offene Grab! Einen Spitzenschal, einen Schlips, eine goldene Haarspange, einen Gürtel u.s.w., ein völlig ungewohnter Anblick hier auf dem Waldfriedhof.
Die Geigen wurden intensiver, die Gesänge temperamentvoller, so als wollten sie ihrem Patriarchen, oder wer immer da beerdigt wurde, noch einmal ihre ganze Lebensfreude, ihre Wärme, ihre Liebe darbringen. Das Ganze war wie ein Fest.
Peter zog mich langsam fort und sagte bewundernd: „Das ist eine Beerdigung wie ich sie mir wünschen würde. Sterben gehört zum Leben. Was ist daran so entsetzlich, doch nur die Trostlosigkeit an unseren Gräbern mit der abscheulichen schwarzen Trauerfarbe!“
Schwarz war nicht seine Farbe. Die Impressionisten, die Expressionisten und die ganze Palette der Malerei das war sein Leben, das waren seine Farben. Schwarz war nicht dabei. Und selbst in den düstersten Stunden meinte er: „Ach weißt Du, wenn Du Dich erst mal mit dem Schlimmsten abfindest, kann’s nur noch aufwärts gehen.“
Er war ein großer Künstler des Lebens.