Bilder zu "Die Aufgabe"

Inge Langen


Inge Langen erzählt - Partner

Hannelore Schroth

„Die Aufgabe“ – von Kreudelsberger, Fernsehen Berlin

Meine Agentin Marta Vogel rief mich an:“...da ist ein Zweipersonenstück, eine gute Rolle, doch du hättest Hannelore Schroth als Partnerin. Ich glaube du solltest dir das nicht antun. Aber ich schicke dir das Drehbuch.“ – Das Stück gefiel mir auf Anhieb. Fabelhafte Rollen und Hannelore Schroth war eine der besten Schauspielerinnen die ich kannte. Marta Vogel stöhnte: „...aber vier Woche Hannelore Schroth - überleg dir das gut!“ Doch ich musste mir nichts überlegen.
Acht Tage vor Probenanfang war die Schroth am Telefon. Sie wollte die Rollen tauschen, wollte meine haben. Warum? Beide waren gleich gut. Am Anfang waren beide jung, vergnügt und unternehmungslustig, später mit Mitte vierzig war ich vermiest und unzufrieden, die Schroth noch attraktiv und auf Männerfang. Schließlich waren wir alt. Sie verbittert und böse. Ich hatte zu mir selbst gefunden, hatte einen Kanarienvogel und war heiter und zufrieden. Wegen dieser humorigen Alten gefiel mir die Rolle so gut. Ich wollte nicht tauschen. „Außerdem hab ich den Text schon gelernt“, argumentierte ich.
Bei der Leseprobe saßen wir alle da und warteten bis sie herein rauschte, ganz Star, unnahbar, kein privates Wort. In einer Anfangsprobe hatte ich einen Texthänger - ihr messerscharfer Kommentar: “Ich denke sie haben den Text gelernt.“ So ging das die Probenwochen hindurch, dann kamen die 7 Tage der Aufzeichnung. Große Takes von zwanzig Minuten sollten durchgedreht werden – ein Drahtseilakt für die Technik. Endlich, am dritten Tag war alles so weit und die erste Klappe fiel. Kurz vor Ende der 20 Minuten hing die Schroth. Also alles zurück! Alles noch einmal ganz von vorne! Zweite Klappe und los! Diesmal hing sie schon in der Mitte. „Is' doch nich' so einfach“, sagte sie sichtlich nervös. Ich versuchte Trost zu spenden. „Das kann ja nun jedem passieren – wir haben eine ganze Woche Zeit!“ War es meine Ruhe oder ihr Versagen, von dem Moment an war der Bann gebrochen, jede Reserve, jedes Stargetue wie weggeblasen. Wir wurden ein ideales Gespann, halfen uns gegenseitig, erfanden neu, hatten ungeheuere Freude daran, lachten bis zur Erschöpfung miteinander und verpatzten keinen einzigen Take. An diesem dritten Tag fingen die Überstunden an. Dann wurde der Sonntag dazugenommen und während der letzten vier Tage haben wir je sechzehn Stunden gedreht. Die Technik wurde nach acht Stunden ausgewechselt – wir waren dieselben. Sechzehn Stunden vollste Konzentration und das vier Tage hintereinander.
Als wir fertig waren und ich total erschöpft in meiner Garderobe stand, folg die Tür auf, herein stürmte die Hannelore mit dem Schrei: „Das könn'se auch nur mit zwei Theatergäulen, wie wir beide es sind, machen, andere stehen das gar nicht durch!“ Sie umarmte mich: „Du bis'n ein prima Kumpel!“ Und weg war sie!
Die nächsten Tage wanderte ich ziellos durch Berlin. Die übliche Leere nach Abschluss einer konzentrierten Arbeit? Nein, es war mehr, schmerzvoller, die Hannelore fehlte mir. Ich habe sie nie mehr gesehen, denn wenige Jahre später ist sie gestorben.

© Inge Langen, München 2005
Erich Ponto

Frankfurt, Hessischer Rundfunk - „Reinecke Fuchs“

Die Aufnahmen sollten um 14:00 Uhr beginnen. Ich hatte am Abend vorher in Köln eine Verabredung, die mir wichtig war und mir schien vormittags genügend Zeit zu sein für die kurze Strecke bis Frankfurt. Eineinhalb Stunden Spielraum rechnete ich ein, das Mauskript hatte ich genau durchgeackert, war also gut vorbereitet – was sollte sein! Doch wie es auf der Autobahn manchmal geht, Unfälle, Staus - es wurde immer später und ich immer nervöser. Als ich schließlich Punkt 14:00 ins Studio hechelte, saß da Erich Ponto, einer der ehrfurchtgebietendsten, alten Meister des Theaters, ein begnadeter, Erzähler und Rezitator. Ich konnte gerade noch denken: „Wäre ich doch bloß gestern gefahren...“, schon kam das Zeichen aus der Regiekabine und Ponto begann: „Pfingsten das liebliche Fest war gekommen...“, Unterbrechung. „Inge du atmest zu laut!“ Natürlich, ich war ja gerannt: „Verzeihung!“. Also noch einmal. Zeichen. Ponto: „Pfingsten das liebliche Fest war gekommen...“, Unterbrechung. „Inge, deine Mauskriptseiten rascheln!“ Ich war zu schnell gefahren und meine Hände zitterten. „Verzeihung!“ Also noch einmal: „Pfingsten das liebliche...“, Unterbrechung. „Inge so geht das nicht, du bist doch nicht zum ersten Mal im Rundfunk!“ Ponto sah mich über seine Drahtbrille hinweg prüfend an, dann legte er sein Manuskript weg: “Ich gehe jetzt einen Cafe trinken. In einer halben Stunde hat sich die junge Kollegin hier hoffentlich beruhigt.“ Damit verließ er das Studio und ich schämte mich in Grund und Boden. Entschuldigungen oder gar ein ich kann nichts dafür weil der Verkehr... – alles das zählt nicht in unserem Beruf. Man hat pünktlich und in guter Verfassung zu sein. Wie man das macht dafür interessiert sich niemand. Es ist einfach so. Punkt. Eine halbe Stunde später ging die Aufnahme reibungslos über die Runden, doch Ponto hat mich keines Blickes mehr gewürdigt. Ich hatte ein Tabu verletzt, ein ungeschriebenes Gesetz gebrochen. Das verzieh er nicht und er hatte leider Recht. Glücklicher Weise war der Regisseur weniger streng und war zu besänftigen, doch nie mehr in meinem langen Theaterleben bin ich zu spät gewesen, Zu früh ja, manchmal Stunden, aber zu spät niemals mehr. Ehrenwort!

© Inge Langen, München 2005
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